| Historie Waterkant |
|
Im alten Flecken Lehe, der mit seinen gut 39.000 Einwohnern erst am 01. April 1920 Stadtrechte erhalten hatte, wurde die Waterkant-Speeldeel, die heutige Niederdeutsche Bühne „Waterkant“ am 24. August 1920 durch den seit 1882 bestehenden Heimatbund der Männer vom Morgenstern und dann im besonderen Maße von dem Leherheider Schulleiter und Heimatschriftsteller Fritz Husmann gegründet, der bereits den plattdütschen Verein „Waterkant“1905 gegründet hat. Diese Vereinigung erlebt nun zu Beginn der zwanziger Jahre einen lebhaften Aufschwung. In ihr bestellte man den an der Bremerhavener Pestalozzischule unterrichtenden Lehrer Heinrich Rahmeyer, der 1872 im ostfriesischen Neufirrel/Kreis Leer geboren war, zum Leiter und Regisseur. Er hatte in Aurich das Lehrerseminar besucht und war 1901 nach Bremerhaven gekommen, wo er bis zu seinem Tod 1952 gelebt hat. Im Mai 1920 startete an der Unterweser die Speeldeel unter Rahmeyers Leitung innerhalb einer geschlossenen Veranstaltung des Plattdütschen Vereens auf dem Flett des Geestbauernhauses im Freilichtmuseum Speckenbüttel mit F. Freudenthals Einakter „De Inbräker“. Selbst Vereinsvorsitzender Fritz Husmann mußte eine Rolle übernehmen, weil noch nicht genügend andere männliche Darsteller zur Verfügung standen. Knapp ein Jahr später, am 21.04. 1921, fand am gleichen Ort erstmals eine öffentliche Aufführung statt: Wichmanns „ Georg Meter oder De Isenbahn op Fehmarn“ wurde dargeboten. Als Mitarbeiter Rahmeyers bewährte sich von Anfang an besonders der Zigarettenhändler Willy Reitmann, der bis zu seinem Tod 1968 der Bühne eng verbunden blieb. Er war von 1951 bis 1965 auch als Vorsitzender für die Bühne tätig. Zunächst beschränkte sich die junge Speeldeel auf die Einstudierung von Einaktern. Spielstätten wurden der Schützengarten (Bürgerhaus), Hotel Stadt Lehe sowie die Spiegelsäle in Geestemünde und am 02.03.1925 das erste Gastspiel im Stadttheater Bremerhaven. Aber auch rund um Bremerhaven wurde gespielt, ab 1928 in Dorum, Wremen, Cappel, Gnarrenburg, Flögeln, Stotel, Bramel, Wulsbüttel, Loxstedt, Hemmor, Basdahl und noch viele mehr. Am 10.08.1933 änderte die Speeldeel ihren Namen in „Niederdeutsche Bühne Waterkant Wesermünde“ um. Große Belastungen mußten in den Kriegsjahren getragen werden, als mehrere männliche Bühnenmitglieder zur Wehrmacht eingezogen waren. Doch gerade jetzt gestaltete sich die Zusammenarbeit mit dem Stadttheater besonders eng und erfolgreich. 1940 holte Intendant Dr. Hans Press die Waterkant-Speeldeel ganz ins Theater. Aufgrund der Heirat mit Waterkant-Mitglied Erika Grundmann war er noch enger mit der Bühne verbunden. Er betreute die Inszenierungen, die in den regulären Spielplan des Stadttheaters eingegliedert wurden. Erst als bei dem schweren Fliegerangriff auf Wesermünde am 18.09.1944 auch das Theatergebäude ausbrannte, mußte die Spieltätigkeit für anderthalb Jahre unterbrochen werden. Als jedoch das Stadttheater nach Kriegsende die Arbeit unter Intendant Karl Georg Saebisch im Bürgerhaus Lehe behelfsmäßig aufnahm, erschien auch bald wieder im Spielplan die Waterkant-Bühne unter ihrem neuen Leiter, Tischlermeister Adolf Heitmann, mit Aufführungen von Bunjes „Spektakel in Kleihörn“. Den infolge ungewöhnlich starken Zuspruchs vorgetragenen Bitten auf Überlassung von mehr Spieltagen vermochte die Intendanz nicht zu entsprechen. Aus diesem Grunde zog die Niederdeutsche Bühne „Waterkant“ Bremerhaven 1947 in die Theodor-Storm-Schule um, deren Aula ihr seither als Hauptspielstätte dient. Nicht aufgegeben wurde bis heute die bewährte Zusammenarbeit mit Berufsregisseuren. Für fast 40 Inszenierungen zeichnete nun bis in sein 80. Lebensjahr (1969) der ehemalige Stadttheater-Intendant Dr. Hans Press verantwortlich. Außer ihm widmeten sich bis heute der Regie die am Stadttheater engagierten Schauspieler und Spielleiter Goswin Hoffmann, Günther Günthermann, Claus Arnemann, Leo Masuth, Harro Fromme, Martin Truthmann, Ulrich Frank, Jobst Noelle, Thomas Bayer (seit 1994 übrigens Intendant des Ohnsorg-Theaters Hamburg) Hermann Scheidleder, Klaus Richter, Kurt Müller Reitzner und Otto Walter Flach. Dazu kam erstmals 1994/95 als Gastregisseur Albrecht C. Dennhardt aus Oldenburg. Heutem komme viele neue Regisseure dazu: Rudi Plent, Björn Kruse, Thomas Willberger, Elke Münch, Dirk Böhling, Wolfgang Rostock und auch genannt werden sollte Juppy Hinze, der jedes Jahr im Geestbauernhaus erfolgreich inszeniert. Die Niederdeutsche Bühne „Waterkant“ konnte sich in den ersten Nachkriegsjahren also in Stadt und Land eines außergewöhnlichen Zuspruchs freuen. Sie erreichte sogar 1947/48 mit insgesamt 51 Aufführungen von August Hinrichs Komödie „Wenn de Hahn kreiht“ den Rekord ihrer Geschichte. Nach dem Tode Adolf Heitmanns übernahm von 1951 bis 1965 das älteste Mitglied der Bühne, Willy Reitmann, die Leitung. Gerade in jener Zeit vollzog sich ein bedeutsamer Wandel: Junge und für die Mitarbeit aufgeschlossene und einsatzbereite Spieler und Spielerinnen mussten gewonnen werden, weil Freund Hein immer wieder neue Lücken in die Schar der meistens noch aus den Gründerjahren der Speeldeel stammenden Mitglieder riss. Lediglich zur Schulung für den Nachwuchs waren ursprünglich die seit 1957 im Geestbauernhaus in Speckenbüttel veranstalteten Herdabende mit Einstudierungen von Einaktern gedacht. Mittlerweile sind diese Veranstaltungen im Sommer eines jeden Jahres (2006 zum 50. Mal) zum regulären Bestandteil des Gesamtspielplanes geworden. Das im 2. Weltkrieg ausgebrannte Gebäude des 1911 eingeweihten Stadttheaters in Bremerhaven war schon von 1950 bis 1952 wieder errichtet. In den ehemaligen Räumen der Kunsthalle in einem Theatergebäude war ihm 1955 ein Kleines Haus mit 122 Plätzen beigegeben worden. Dorthin lud der damalige Intendant Dr. Jürgen Waidelich die Waterkant-Bühne von 1967 an, für eine Produktion in jeder Spielzeit ein. Dieses Angebot wurde gerne angenommen. Die Stormschule und für kurze Zeit die neue Geschwister-Scholl-Schule galten aber weiterhin als Hauptspielstätten der Waterkantler. Im Jahre 1972 wechselte man dann ganz ins Kleine Haus des Stadttheaters, wo seit 1974, in jeder Spielzeit drei niederdeutsche Produktionen mit je 20 bis 25 Vorstellungen geboten werden.Dazu kommen 20 bis 25 sommerliche Herdabende im Geestbauernhaus Speckenbüttel, so dass jedes Jahr die Bühne mit durchschnittlich 90 bis 100 Aufführungen präsent ist. Besonderheit: Das Stück wurde zweimal hintereinander gespielt, weil alle Rollen doppelt besetzt waren. Unter den damals nach diesem Stück aufgenommenen waren unter anderem: Hans Behlen, Edgar Steinhaus und Gitta Gleitsmann. Das berichtet die Presse über dieses Ereignis. Zu den Höhepunkten in der Nachkriegsgeschichte der Bühne sind zu rechnen die Uraufführungen des kleinen heiteren Einakter „De Bilanzbuer“ von Siegfried Siebens im Rahmen der Herdabende 1960, die Mitwirkung von sechs männlichen Waterkant-Mitgliedern in den von Friedrich Hans Schaefer ins Niederdeutsche übertragenen Rüpelszenen von Shakespeares „Sommernachtsttraum“ im Stadttheater unter der Regie von Volkmar Kamm 1977, die Inszenierung der klassischen Bauernkomödie „De düütsche Michel“ zum 100. Geburtstag von Fritz Stavenhagen 1976 mit mehr als fünfzig Mitwirkende im Großen Haus des Stadttheaters, der Bühnentag des Niederdeutschen Bühnenbundes Niedersachsen-Bremen 1990 mit der Festaufführung der Komödie „Dat Düvelsbook“ von Heinrich Behnken und 1992 die Aufführungen der neuen Schmugglerkomödie „De Schatzkist“ von Uvo Wilhelm, hinter dem sich das Bühnenmitglied Bernd Behrens verbirgt, sowie die Fernsehaufzeichnung der Neueinstudierung von Paul Jessens „Speel um een Schaap, een Koh und soss bradd´te Eier“. Das Kleine Haus war kurz vor der Schließung, 2004 war dieses Thema fast täglich in der Nordsee-Zeitung zu verfolgen. 2005 stand fest: Das Kleine Haus saniert! Mit der laufenden Grundsanierung des Gebäudes sind die Erhöhung der Theaterbühne und eine größere Deckenhöhe für den Zuschauerraum verbunden. Das Ziel: mehr Komfort. Die Sitzreihen steigen steiler an, und die Sicht auf der Bühne wird von allen 120 Plätzen besser. Eigentlich wurde nur Geld für die Bühne, Technik und Feuerschutz zur Verfügung gestellt, aber durch die Aktion „Step by Step“, konnte der Theaterförder-Verein eine betrachtliche Summe von 150.000 Euro sammeln. Aufgrund dieses Engagement und vielen Extra-Veranstaltungen wird jetzt der Zuschauerraum und das Foyer saniert. Auch die Kantine bekommt ein neues Flair, ein überdachter Außenbereich und das bedeutet Tageslicht! Mit der Premiere am 04.11.2006 „Mien Fro hett ´n Brögam“ von Otto Schwartz und Georg Lengbach spielt die Niederdeutsche Bühne Waterkant die erste Produktion im NEUEN Kleinen Haus. |